26. März 2020 gravitycoach

Körperkult und Bodybuilding.

Der Körperkult und das Bodybuilding hat lange mein Leben bestimmt. Meine erste große sportliche Leidenschaft war allerdings das Mountainbike. Im Bergischen Land groß geworden, lag es quasi auf der Hand hier mit vollgefederten Drahteseln die Hänge runterzupreschen. Ich muss zugeben, dass das teilweise sehr leichtsinnig war. Mit 50km/h und mehr diverse Downhills zu fahren kann bei einem Fehler oder einer Unachtsamkeit im Krankenhaus enden. Und das mit schweren Folgen. Aber genau dieser Adrenalin-Push hat mich dazu getrieben, eben diesen Sport exzessiv zu betreiben. Mal davon ab, dass ich es gefrönt habe, dabei stets in der Natur sein zu dürfen. Und Langstrecken habe ich auch nicht gemieden. Im Gegenteil. 8-10 Stunden am Tag, natürlich nur Wochenende waren dabei keine Seltenheit. Ich fühlte mich nicht gut, wenn ich noch easy radelnd von der Tour nach Hause fahren konnte. Ich musste Fix und Foxy sein.

Zu dieser Zeit habe ich auf 178cm zarte 66 Kg gewogen. Mit 19 Jahren so hager zu sein, war nicht leicht. Ist man doch gerade dabei “Mann” zu werden. Und wie die Herren unter uns mir beipflichten werden, sind wir als junge Erwachsene schon gerne eher ein “starker” Vertreter unseres Geschlechts. Und dabei ein paar mehr Muskeln auf den Knochen zu haben, repräsentiert da schon mehr Männlichkeit, als mit 66kg Drahtesel zu schubsen.

Der Wandel

Also geschah das unvermeidliche, ich tauschte mehr und mehr das Aluminium-Bike gegeben Stahlhanteln. Ich wollte es einfach wissen. Kann ich Muskeln aufbauen oder bin ich zum Magermilchmodel verdonnert.

Da mir alle sagten, dass ich einfach nur mehr essen müsste, habe natürlich meine Kalorien getrackt. 4500kcal waren Standard. Wohlgemerkt mit 66kg Körpergewicht. Offensichtlich habe ich das easy auf dem bike verbrannt. Also war das Ziel nicht mehr zu essen, sondern mich weniger zu bewegen. Ich trainierte 3-4 mal die Woche im Gym und war nur noch am We für wenige Stunden auf dem Bike. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich immer 78 kg wiegen wollte: 178cm Körpergröße minus 100 = 78Kg.

Mit 23 Jahren habe ich es schließlich geschafft. 12 Kg mehr Muskeln und immer noch “ripped as fxxx” wie zur Biker-Zeit. Doch ich wollte mehr. ich wollte 80! Geschafft! ich wollte 85! Leichter als gedacht. Dann müssen auch 90Kg drin sein. Bingo. Mein Höchstgewicht hatte ich mit 27 Jahren und 92 Kg erreicht. Dass Geheimnis war Essen, schlafen und Eisenbiegen. Und nein, nix mit Stoff! Das höchster Gefühle war Creatin. Das blöde war nur, dass mein Selbstbild immer noch verzehrt war. Ich empfand mich immer noch als zu dünn. Ich wollte noch mehr. Bodybuilding ist geil.

Stets im anabolen Zustand zu sein hat sich sehr gut angefühlt. Doch war der Preis bei Krankheit oder anderen unvorhersehbaren Ereignissen sehr hoch. Ich verlor oft rapide an Gewicht. Das dauerte dann ein paar Wochen, teilweise Monate um das wieder drauf zu packen. Zudem verschärften sich meine Fuß-, BWS- und ISG-Probleme zusehends. Joggen war ohne Schmerzen auch nicht mehr möglich.

Was bedeutet Fitness?

Die Zweifel wuchsen. Mache ich alles richtig? Ergibt Bodybuilding überhaupt Sinn? Mein ganzes Leben war auf das Training ausgerichtet. Selbst im Urlaub, habe ich Gyms aufgesucht, um pumpen zu können. Irgendwann musste ich mir aber eingestehen, dass ich mir selbst auf den Leim gegangen war. Sport und Training ist cool. Es wird mich bis zum Tote begleiten. Aber das Motiv, warum ich es mache, ist das ausschlaggebende. Ich war es satt, mich zu mästen. Ich hatte keine Lust mehr 6-8 Stunden pro Woche Zeit nur damit zu verbringen, dass mein Erscheinungsbild mir erhalten bleibt. 6-8 Stunden um das Ego zu füttern. Ein Ego was immer noch nicht zufrieden war. Das fühlte sich irgendwann nur noch nach “Gefängnis” an.

Ich wollte da raus. Doch wie?

Im Alter von 30 bin ich mich von der “Functional Training” Welle mitreißen lassen. Das war sehr ernüchternd, da ich feststellen musste, dass ich mit meiner Masse nicht Punkten kann. Ich war zu träge. Es geschah das einzig logische: Gewicht runter. Plötzlich habe ich mich auf 85 kg eingependelt (siehe Foto). Ich konnte mich wieder ein bisschen besser bewegen, aber flexibler als Eisenbahnschienen war ich immer noch nicht.

Mit 35 Jahren habe ich die Anfänge der Mobility und MovementMovement Experience Ära in der Fitness-Welt erleben dürfen. Erst dann habe ich begriffen, dass ich zwar Ahnung vom Muskelaufbau und die damit verbundene Biomechanik hatte. Aber von essentieller, menschlichen Bewegung keinen blaßen Schimmer hatte.

Das Lernen hat begonnen

Dann kam Ido Portal. Kataklysmus! Er zerstörte alle meine Vorstellungen von Fitness und holte mich zeitgleich ab. Ich habe mich von der Fitnesswelt führen lassen, ohne sie zu hinterfragen. Ich muss dazu sagen, dass ich als Fitnesstudioleiter natürlich stolz auf meine Branche war. “Wir machen Menschen fit. Wir verkaufen keinen Mist, sondern Gesundheit.” Das ist ja per se auch nicht falsch. Doch gehört dazu schon mehr, als Menschen auf Kraftgeräte zu setzten und 3×20 Wiederholungen machen zu lassen.

Gerade in dieser Corona-Zeit wär ich höchstwahrscheinlich mit meinem Damaligen Mindset sehr gefrustet. Ich hätte den Gedanken kaum ausgehalten nicht ins Gym gehen zu können und Muskeln zu verlieren. Heute bin ich nicht mehr davon abhängig. Ich halte mich gerne in Gyms auf, aber bin auch nicht traurig, wenn ich eine Weile keines mehr sehe.

Ein Körper ist zum bewegen erschaffen. Andernfalls wären wir wie Pflanzen. Wenn ich mich zu bewegen und erstarken von einer Institution anhängig mache und einem Schönheitsideal der Allgemeinheit verfolge, werde ich mich nicht frei fühlen. Ich fühle mich freier denje. Mit weniger Muskeln aber mit deutlich mehr Lebensqualität und absolut keinen Schmerzen mehr. Ich werde sicher mal wieder mehr und auch mal weniger wiegen, doch ist die Waage dabei kein Gewicht mehr.

Ich habe durch Bodybuilding einiges Gutes gelernt. Aber auch, dass es nicht mein Lebensinhalt ist.

 

Das zu solltest Du unbedingt mal “Es geht längst nicht mehr um Fitness” lesen.

 

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